Auf ein Wort

Du dankst für die Ernte!
Oder etwa nicht?

Liebe Besuchende unserer Homepage,

ist es eine Frage des Wohlstandes oder der Denkfähigkeit oder der Vorbilder? Viele Menschen nehmen den Erntedanktag zum Anlaß, Danke zu sagen. Felder und Gärten, Bäume, Büsche und Beete haben hergegeben, was sie konnten, damit es uns gut geht.
Menschen in der Landwirtschaft haben geackert, gepflegt, gefüttert, geerntet, haben uns ernährt. Gemeinsam mit dem Handwerk der Müller, Bäcker, Schlachter und Veredler. Seit Krieg und Flucht im II. Weltkrieg haben wir zwischen Görlitz und Aachen, Rügen und Freiburg keinen Hunger und keine Not mehr gehabt.

Ist es eine Frage des Wohlstandes oder der Denkfähigkeit oder der fehlenden Vorbilder, wenn viele Menschen nicht mehr danken. Ie nehmen das, was ist und das, was man isst, für selbstverständlich. Kein erarbeitetes Lebensmittel, kein Naturgeschenk, auch kein vergifteter Fisch, kein Afrikabericht von Brot-für-die-Welt kann sie umstimmen. Danken ist passé. Nehmen, kaufen, verbrauchen, wegwerfen ist angesagt.

Wir begegnen einer neuen Kaltschnäuzigkeit, wo Bitten und Danken der Vergangenheit angehören sollen. Arbeit jedoch soll gewürdigt sein. Ebenso der gedeckte Tisch, die Vielzahl an Restaurants, die Fruchtbarkeit der Schöpfung.

Ich besuche eine 90jährige. Sie lebt in einem Heim. Wir sprechen über dies und das, auch darüber, dass manche über Einschränkungen im Wohnen und bei den Menues klagen. Sie schließt ihre Bemerkungen mit einem einfachen, weisen und gleichzeitig warmherzigen Satz: „Haben wir denn vergessen, wie es uns nachts in den Scheunen und tags auf den kalten, gefährlichen Wegen von Schlesien gen Westen ging? Das alles heute hier ist doch Gold dagegen!“

Sicher ist das Leben heute anders als früher. Mit Vor- und Nachteilen. Aber schaden könnte es nicht, würden wir unseren übervollen Kühlschrank, unseren Wohlstandsbauch und die Müllberge der fortgeworfenen Esswaren öfter mit den Lebenserfarungen der Alten abgleichen.

Du dankst für die Ernte!
Oder etwa nicht?

Aber immer doch! Ich möchte mir den Dank bewahren. Nichts ist selbstverständlich.

Herzliche Grüße zum Erntedank,
Ihr Pastor von St. Nicolai
Ihr Matthias Fricke

Matthias Fricke ZieseniƟ 2
Pastor Matthias Fricke-ZieseniƟ